Dry Gin, London Dry Gin und Distilled Gin: Was ist eigentlich der Unterschied?

|Matthias Eisenhardt
Dry Gin, London Dry Gin und Distilled Gin: Was ist eigentlich der Unterschied?

Wer vor einem gut sortierten Gin-Regal steht, begegnet schnell Begriffen wie Dry Gin, Distilled Gin oder London Dry Gin. Sie klingen vertraut – doch was bedeuten sie eigentlich?

Ist London Dry Gin grundsätzlich hochwertiger? Muss er aus London kommen? Und bedeutet „Dry Gin“ einfach, dass der Gin besonders trocken schmeckt?

Ganz so einfach ist es nicht. Die verschiedenen Bezeichnungen sagen tatsächlich einiges darüber aus, wie ein Gin hergestellt wurde und was ihm zugesetzt werden darf.

Zeit also, etwas Ordnung ins Gin-Regal zu bringen.

Zunächst einmal: Was macht einen Gin überhaupt zum Gin?

Egal ob Dry Gin, Distilled Gin oder London Dry Gin – eines haben sie gemeinsam: Wacholder muss die geschmacklich prägende Rolle spielen.

Nach den europäischen Vorgaben ist Gin eine mit Wacholder aromatisierte Spirituose auf Basis von Ethylalkohol landwirtschaftlichen Ursprungs. Der Mindestalkoholgehalt beträgt 37,5 % vol. Außerdem muss der Wacholdergeschmack gegenüber anderen Aromen vorherrschend sein.

Neben Wacholder dürfen natürlich zahlreiche weitere Zutaten zum Einsatz kommen. Dazu gehören beispielsweise Koriander, Kardamom, Zitrusschalen, Kräuter, Wurzeln, Blüten oder Früchte.

Diese Zutaten werden meist als Botanicals bezeichnet und sind entscheidend dafür, welchen Charakter ein Gin am Ende bekommt.

Doch bei der Art, wie diese Aromen in den Gin gelangen dürfen, beginnen die Unterschiede.

Was ist Dry Gin?

Beim Begriff Dry Gin denken viele zunächst an einen besonders trockenen oder kräftigen Geschmack.

Tatsächlich bezieht sich „dry“ vor allem auf die Süßung.

Ein Gin darf die Bezeichnung „dry“ tragen, wenn ihm nur eine äußerst geringe Menge an süßenden Stoffen zugesetzt wurde. Nach den europäischen Vorgaben liegt die Grenze bei maximal 0,1 Gramm süßenden Erzeugnissen pro Liter, ausgedrückt als Invertzucker.

Dry Gin bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ein Gin nach einem bestimmten Verfahren destilliert wurde.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ein Dry Gin kann beispielsweise gleichzeitig ein Distilled Dry Gin sein. „Dry“ beschreibt in diesem Zusammenhang vor allem die zulässige Süßung, während „Distilled“ etwas über die Herstellung aussagt.

Was ist Distilled Gin?

Beim Distilled Gin spielt die Destillation eine zentrale Rolle.

Hier wird Alkohol landwirtschaftlichen Ursprungs gemeinsam mit Wacholder und weiteren natürlichen pflanzlichen Zutaten erneut destilliert. Dadurch gelangen die flüchtigen Aromastoffe der Botanicals während des Brennvorgangs in das Destillat.

Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu einem Gin, dessen Geschmack ausschließlich dadurch entsteht, dass einem fertigen Alkohol Essenzen oder Aromen zugesetzt werden.

Ein ausschließlich durch das Hinzufügen von Essenzen oder Aromastoffen hergestellter Gin darf nach den europäischen Vorgaben nicht als Distilled Gin bezeichnet werden. Der Mindestalkoholgehalt beträgt auch hier 37,5 % vol.

Nach der Destillation dürfen bei einem Distilled Gin grundsätzlich weitere zulässige Aromastoffe oder Aromaextrakte verwendet werden.

Genau an diesem Punkt wird der Unterschied zum London Gin besonders interessant.

Was ist London Gin?

London Gin ist eine besonders streng definierte Form des Distilled Gin.

Und gleich vorweg: Ein London Gin muss nicht aus London kommen.

„London“ beschreibt hier keinen Herkunftsort, sondern ein Herstellungsverfahren. Ein London Gin kann daher genauso gut in Berlin, Hamburg, München oder anderswo produziert werden.

Für London Gin gelten jedoch strengere Anforderungen.

Die verwendeten natürlichen pflanzlichen Zutaten müssen gemeinsam während der Destillation eingesetzt werden. Das Aroma soll also durch den eigentlichen Brennvorgang entstehen.

Das dabei gewonnene Destillat muss mindestens 70 % vol. Alkohol aufweisen. Außerdem dürfen dem fertigen London Gin keine Farbstoffe zugesetzt werden und auch die Süßung ist auf maximal 0,1 Gramm pro Liter begrenzt. Abgesehen von den gesetzlich vorgesehenen Bestandteilen und Wasser dürfen keine weiteren Zutaten hinzugefügt werden.

Die Idee dahinter ist einfach: Der spätere Charakter des Gins soll weitgehend während der Destillation entstehen und nicht erst anschließend durch zusätzliche Zutaten erzeugt werden.

Und was ist dann London Dry Gin?

Nun wird es einfacher.

Ein London Gin darf die Bezeichnung „dry“ in seinem Namen tragen. Da London Gin ohnehin nur äußerst geringe Mengen an Süßung enthalten darf, begegnet uns im Handel sehr häufig die Bezeichnung London Dry Gin.

London Dry Gin ist also keine geografische Bezeichnung und auch kein Hinweis darauf, dass der Gin besonders trocken schmecken muss.

Vielmehr steht der Begriff für einen Gin, dessen Aromen unter vergleichsweise strengen Vorgaben bei der Destillation entstanden sind.

Die Unterschiede auf einen Blick

Bezeichnung Was bedeutet sie?
Gin Wacholder muss geschmacklich dominieren. Mindestens 37,5 % vol.
Dry Gin Gin mit höchstens sehr geringer zugesetzter Süßung.
Distilled Gin Wacholder und weitere Botanicals werden bei der Herstellung mit Alkohol destilliert.
London Gin Besonders streng geregelte Form des Distilled Gin; keine Farbstoffe und praktisch keine Süßung, Aroma entsteht durch die gemeinsame Destillation der Botanicals.
London Dry Gin London Gin, bei dem die Bezeichnung „dry“ verwendet wird.

Ist London Dry Gin deshalb automatisch besser?

Nein.

Die Bezeichnung sagt zunächst etwas über das Herstellungsverfahren, nicht automatisch über die Qualität aus.

Ein hervorragend abgestimmter Distilled Gin kann ebenso spannend sein wie ein London Dry Gin. Umgekehrt garantiert die Einhaltung einer bestimmten Gin-Kategorie allein noch keinen außergewöhnlichen Geschmack.

Entscheidend sind letztlich viele Faktoren: die Qualität des Alkohols, die Auswahl der Botanicals, ihre Mengenverhältnisse, die Destillation und natürlich das sensorische Können des Destillateurs.

Gerade beim Gin gibt es deshalb bewusst unterschiedliche Herstellungsstile.

Ein Produzent kann sich für die vergleichsweise strengen Vorgaben eines London Dry Gin entscheiden – oder für die größere Freiheit eines Distilled Gin, wenn dies besser zur gewünschten Aromatik passt.

Und wo kommt „Small Batch“ ins Spiel?

Bezeichnungen wie Dry Gin, Distilled Gin oder London Gin beschreiben gesetzlich geregelte Eigenschaften beziehungsweise Herstellungsverfahren.

Small Batch beschreibt dagegen vor allem die Produktionsweise in kleineren Chargen.

Ein Gin kann deshalb beispielsweise gleichzeitig ein Distilled Dry Gin und ein Small Batch Gin sein.

Wer genauer wissen möchte, was hinter dem Begriff steckt, findet dazu auch unseren Beitrag „Was ist Small Batch Gin?“ in unserem Bereich Wissen & Genuss.

Am Ende entscheidet der Geschmack

Die verschiedenen Gin-Bezeichnungen helfen dabei zu verstehen, wie ein Produkt entstanden ist. Sie geben Hinweise auf das Herstellungsverfahren und darauf, was bei der Produktion erlaubt ist.

Für den Genuss bleibt jedoch etwas anderes entscheidend.

Wie präsentiert sich der Wacholder? Welche Botanicals treten daneben hervor? Ist der Gin floral, zitrisch, würzig oder herb? Wie harmonisch ist das Zusammenspiel der einzelnen Aromen?

Kleine Details, großer Geschmack

Aromen entstehen oft dort, wo man sie zunächst gar nicht erwartet. Gerade bei hochwertigen Spirituosen sind es häufig die feinen Nuancen, die den Charakter eines Produkts bestimmen.

Lange bevor der erste Schluck im Glas landet, spielen Auswahl und Zusammenspiel der Zutaten eine entscheidende Rolle. Wacholder, Kräuter, Gewürze oder Zitrusschalen können ganz unterschiedliche Akzente setzen.

Erst beim bewussten Verkosten zeigt sich, wie vielschichtig ein Destillat tatsächlich sein kann. Manche Noten erscheinen sofort, andere entwickeln sich erst nach einigen Sekunden.

Ruhe hilft dabei, diese Unterschiede wahrzunehmen. Wer eine Spirituose nicht nur nebenbei trinkt, sondern sich Zeit für Duft, Geschmack und Abgang nimmt, entdeckt häufig überraschende Details.

Temperatur und Glasform beeinflussen die Wahrnehmung zusätzlich. Schon kleine Veränderungen können dafür sorgen, dass bestimmte Aromen stärker oder zurückhaltender erscheinen.

Am Ende gibt es deshalb beim Genuss kein festes Richtig oder Falsch. Entscheidend ist, welche Aromen gefallen und welche Geschichte ein Produkt im Glas erzählt.

Denn ob Dry Gin, Distilled Gin oder London Dry Gin:

Die Bezeichnung erklärt die Herstellung – der Charakter entsteht im Glas.